IGBD e.V. – Islamische Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland e.V.
(früher: VIGB e.V. - Vereinigung islamischer Gemeinden der Bosniaken in Deutschland)
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auf dem Balkan der Staat Jugoslawien gegründet, der im Laufe der Zeit den Namen Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien erhalten hatte und sich aus sechs Republiken und zwei autonomen Gebieten zusammensetzen sollte. Nahezu ein halbes Jahrhundert lang lebten in diesem Jugoslawien ca. 22 Millionen Einwohner, darunter ca. 6 Millionen Bürger islamischen Glaubens. Die größte Anzahl der Muslime lebte in Bosnien und Herzegowina, auf dem Kosovo und in Mazedonien.
Bosnien und Herzegowina war die zentralste aller jugoslawischen Republiken. Laut der im April 1991 durchgeführten Bevölkerungszählung hatte Bosnien und Herzegowina zu jenem Zeitpunkt 4.364.649 Einwohner. Die nationale Verteilung sah folgendermaßen aus:
1) Bosniaken 1.905.274 oder 43,4 %
2) Serben 1.369.883 oder 31,4 %
3) Kroaten 755.883 oder 17,3 %
4) Jugoslawen und andere 333.609 oder 7,6 %.
Die schwierige wirtschaftliche Nachkriegslage zwang viele Bosniaken, ihren Broterwerb im Ausland zu suchen. So zogen viele als Arbeitsmigranten in die Bundesrepublik, die zu jener Zeit einen großen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte und entsprechenden Bedarf an Arbeitskräften aufwies. Die tüchtigen und fleißigen Bosniaken fanden Arbeit in deutschen Firmen, verdienten gut und bauten deutschlandweit schöne Häuser oder kauften Eigentumswohnungen.
Und weil der Mensch neben seinem Körper auch eine Seele hat, machte sich unter den Bosniaken schon bald das Bedürfnis nach geistigen Werten bemerkbar. Mitte der 70er Jahre fingen sie an, Imame aus ihrem Heimatland zu engagieren, welche die Gebete (namaz) leiten, ihren Kindern Religionsunterricht erteilen und im Allgemeinen das religiöse Leben organisieren sollten. Anfangs waren dies hauptsächlich Studenten der Fakultät für islamische Wissenschaften (FIN) und des islamischen Religionsgymnasiums Gazi Husrevbeg (Gazi Husrevbegova medresa) aus Sarajevo sowie einige Imame mit längerer Berufspraxis.
Die erste islamische Gemeinde (džemat) der Bosniaken in Deutschland wurde im Jahre 1978 in Aachen gegründet. Geleitet wurde sie von Rasim ef. Hamidovic' aus dem bosnischen Städtchen Kalesija. Danach wurden auch in anderen deutschen Städten Gemeinden gegründet, weitestgehend selbstständig und ohne koordinierte Initiativen der damaligen Organe der Islamischen Gemeinschaft aus Jugoslawien. Kurz vor der Aggression auf Bosnien und Herzegowina gab es auf dem Gebiet der Bundesrepublik an die 20 Gemeinden der Bosniaken, denen zum Teil als Mitglieder auch Albanern angehörten. Bedingt durch mehrere Faktoren, unter anderem den Krieg, die damit verbundene Ankunft einer großen Anzahl von Flüchtlingen und Vertriebenen aus Bosnien sowie durch das Erstarken des religiösen Bewusstseins unter der muslimischen Bevölkerung, stieg die Zahl der bosniakischen Gemeinden in Deutschland in der Zeit nach 1992 mit großer Geschwindigkeit an und erreichte im Januar 1994 die Anzahl von ca. 50.
Am 10. Januar 1994 ernannte das damalige Oberhaupt der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina (naibu-r-reis), Mustafa ef. Ceric', der sich zu dieser Zeit in Deutschland aufhielt, bei einer Versammlung der bosniakischen Imame aus der Bundesrepublik Imam Mustafa ef. Klanco zum Hauptimam der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland.
Im juristischen Sinne erhielt die VIGB e.V. ihren Status als Bundesdachverband erst Ende 1994. In der Zeit zwischen der Ernennung des Hauptimams und der offiziellen Vereinseintragung bei den deutschen Behörden wurde die interne Struktur festgelegt. Sie setzte sich nun aus 6 separaten regionalen Einheiten unter der Leitung der Regionalimame zusammen.
Dieses Organisationsprinzip wurde in der Folgezeit im Wesentlichen beibehalten, so dass sich innerhalb der internen Struktur der VIGB e.V. folgende Stufen finden können (beginnend mit der niedrigsten):
- der Gemeindevorstand (džematski odbor), vertreten durch den Gemeindeimam und den Vorsitzenden/Vertreter der Gemeinde;
- die Region, vertreten durch den Regionalimam, dessen Stellvertreter und die Vertreter der einzelnen Gemeinden;
- die Zentrale der VIGB e.V., vertreten durch den Hauptimam;
- der engere Beirat des Hauptimams, zusammengesetzt aus dem Hauptimam, Sekretär der VIGB e.V. und den Regionalimamen;
- erweiterter Beirat des Hauptimams, zusätzlich erweitert um die Stellvertreter der Regionalimame, die Assistenten des Hauptimams für karitative Tätigkeiten und Jugendarbeit sowie zivile Vertreter der einzelnen Regionen;
- der Rat (šura), zusammengesetzt aus den Beiratsmitgliedern, allen Imamen und Vorsitzenden der Gemeindevorstände.
Heute gibt es 61 bosniakische Gemeinden in Deutschland. 49 davon verfügen über festangestellte und offiziell ernannte Imame, während 12 von ihnen als sog. Wochenend-Gemeinden arbeiten, d.h. Imame lediglich an Wochenenden und auf Honorarbasis verpflichten. Zusätzlich gibt es einige Absolventen der islamischen Religionsgymnasien (madrasa) ohne festes Engagement in der VIGB e.V., die anderweitig Beschäftigungen gefunden haben.
Da die Anforderungen an die VIGB e.V. immer größer und die Aufgaben immer komplexer wurden, wuchs auch das Bedürfnis nach einer professionellen Verwaltungskraft für die Arbeit in der Zentrale. Erster Sekretär der Zentrale wurde 1995 der damalige Aachener Imam Zijad ef. Suljic', der allerdings kurz darauf nach Bosnien zurückkehrte. Sein Nachfolger auf diesem Posten wurde hfz. Esnaf ef. Begic', der bis dahin als Imam in Castrop-Rauxel tätig war.
Im Mai 2004 wurde ein Umstrukturierungsprozess der VIGB e.V. gestartet. Am 22.04.2007 fanden in Wiesbaden die Wahlen für den Bundesvorstand und die Generalversammlung statt. Als Vorsitzender und Mufti der jetzt umbenannten Islamischen Gemeinschaft der Bosniaken in Deutschland (IGBD e.V.) wurde Mustafa Klanco und als Vorsitzender der Generalversammlung Dr. Bernes Alihodžic' gewählt.
Im Namen der IGBD e.V. (früher VIGB e.V.) sind in der Obersten Versammlung (Sabor) der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina in jeder Mandatsperiode zwei Delegiertenplätze aus Deutschland vorgesehen. Bis zum Jahr 2003 wurden in die Versammlung als Vertreter aus Deutschland Mr. Ishak ef. Aleševic' aus Mannheim und Edhem Kadric' aus Witten entsandt, später waren dies Mustafa ef. Klanco aus Kampf-Lintfort und Advan ef. Ljevakovic' aus Berlin. Aktuell ist die IGBD e.V. in der Versammlung der Islamischen Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina durch Dr. Bernes Alihodžic' und Husein Johic' vertreten.